Project 27
Vernissage
Dienstag, 8. September 17-20 Uhr
Wie stabil sind die Ordnungen, mit denen wir die Welt einteilen und verwalten? Die Arbeiten von Sonja Feldmeier, Jan van Oordt und Lex Vögtli bewegen sich in den Zwischenräumen scheinbar fester Kategorien: zwischen Natur und Kultur, Mensch und Tier, Fakt und Fiktion, Wissen und Mythos. Aus Versatzstücken der Medien, der Geschichte und des Alltäglichen entstehen eigene Bildwelten, in denen Vertrautes fremd wird und Gewissheiten ins Gleiten geraten. Collage, Malerei, Skulptur, Fotografie, Klang und Zeichnung werden zu offenen Denkformen. Befragt werden unser ambivalentes Verhältnis zur Natur, der Ressourcenverbrauch, die Vergänglichkeit des Materials, die Brüchigkeit von Macht und die Lücken in unseren Wissensordnungen. Dabei entfalten die Arbeiten eine eigene Leichtigkeit: Sie verschieben Massstäbe, brechen Machtbilder spielerisch auf und lassen scheinbar Nebensächliches gleichberechtigt gelten.
Aus der Distanz wirken Lex Vögtlis grossformatige Collagen ruhig und fast wie gemalt. Ihre Farbigkeit verrät den malerischen Blick der Künstlerin. Was eben noch als geschlossene Farbfläche erschien, erweist sich aus der Nähe als Geflecht aus Tausenden von Fragmenten. Diese lösen sich aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen und treten in neue, überraschende Beziehungen. Nichts davon wurde für das jeweilige Bild gezeichnet oder gedruckt. Alles ist gefunden, ausgeschnitten und in eine neue Bildwelt überführt. Vögtlis Arbeiten sind Sammlungen, Archive und Erinnerungsräume zugleich. In ihnen begegnen sich Kunstgeschichte, Natur, Alltag und Massenmedien. Ein Blatt aus einem Gebetbuch des 14. Jahrhunderts, ein barockes Stillleben oder ein kunstvoller Faltenwurf klingen an. Eine goldene Sonne ruft die Moderne in Erinnerung, eine Arbeit über das Weggeworfene antwortet dem Action Painting. Oft steht eine Referenz im Hintergrund, die Vögtli nicht bloss zitiert, sondern konsequent weiterdenkt. In der neusten Serie Primaten stellt Vögtli Affen und fotografierte Skulpturen einander gegenüber. Es sind zwei Arten von Primaten, von denen die eine ausstellt und die andere ausgestellt wird. Beiläufig schwingt unser distanziertes Verhältnis zu den nächsten Verwandten mit. Eine andere Arbeit sammelt, was von unserem Wohlstand übrigbleibt, bis alle Farben in dasselbe Graubraun münden. Ringsum wächst ein Kosmos, in dem Körper jeden Alters Platz haben, ebenso Speisen und Abfall, Sonnen und Sturmwolken, Blüten und Trümmer. Nichts davon wird nach Wichtigkeit geordnet. Alles gilt gleichzeitig –Zärtliches neben Grausamem, Katastrophales neben Beiläufigem.
In einer Zeit, die Bilder im Sekundentakt hervorbringt und ebenso rasch wieder vergisst, hält Vögtli an einer Technik fest, die Monate beansprucht. Die Langsamkeit der Herstellung schreibt sich in die Wahrnehmung ein. Der Blick wandert über die Oberfläche, bleibt an einem zarten Detail hängen, stolpert über ein grausames daneben und findet erst im Zurücktreten wieder zur Ordnung des Ganzen zurück. Dass man dabei gerne verweilt, liegt an Vögtlis Humor und an dem Reichtum ihrer Bilder. Sie drängen keine eindeutige Botschaft auf, sondern verwickeln uns in einen beständigen Dialog aus Suchen, Erkennen und Wiederkehren.
Sonja Feldmeiers künstlerisches Universum entfaltet sich in einer stetigen Wechselwirkung zwischen alltäglicher Beobachtung und den grossen geopolitischen Themen unserer Zeit. So entstehen Werke zwischen dokumentarischer Spur und poetischer Verdichtung, zwischen Naturerfahrung und gesellschaftlicher Analyse. Ein wiederkehrendes Motiv ist das ambivalente Verhältnis des Menschen zur Natur. Für die Werkgruppe Future Pioneers sammelte die Künstlerin Überreste einer massiven Baumfällung in Kleinlützel. Aus den geborgenen Ästen formt sie schlüsselähnliche Objekte von kräftiger Farbigkeit, in denen Organisches und Anorganisches ineinandergreifen. Feldmeier versteht diese bewusst nicht als dystopische Schreckensbilder, sondern als tröstliche Objekte und als direkten Aufruf, die Zukunft als Pioniere aktiv mitzugestalten. In der Skulptur LUCKY YOU wird die Endlichkeit von Ressourcen zum Ausgangspunkt eines ebenso spielerischen wie prekären Moments. Ein überdimensionales Streichholz wurde von hinten so abgebrannt, dass nur der intakte Zündkopf verbleibt. Was wie ein kleiner Akt der Kontrolle erscheint, wird zum Sinnbild für existenzielle und ökologische Fragilität. Parallel dazu untersucht sie in ihren Arbeiten Machtgefüge und mediale Bildproduktion. Bei der Serie Iconoclastic Digestion Systems wählte sie bewusst das Medium der Fotografie, um den Moment des Sturzes in der Schwebe zu halten und nur anzudeuten. Auf einer Wiese steht ein Triumphbogen aus Brot, gekrönt von einer anmutenden Trump-Figur aus einem Lackschuh. Umgeben von jenen Kabinetts-Schuhen, die trotz falscher Passform aus Gehorsam getragen wurden. Diese groteske Szenerie, als Symbol blinder Gefolgschaft, wird hier nicht von Menschen gestürzt, sondern von gewöhnlichen Hühnern zerlegt. Nicht nur Machtinszenierungen erweisen sich als brüchig, auch die Ordnungen des Wissens. Für Atlantis hat die Künstlerin in einen Weltatlas hineingeschnitten. Auf jeder Doppelseite fehlt ein Stück Karte, geformt wie die versunkene Insel. Wo die Welt am genauesten vermessen ist, bleibt sie als Abwesende zurück. Bei Feldmeier bleibt vieles in Bewegung: Der gefällte Baum wird zum Ausgangspunkt einer neuen Form, das Monument der Macht zur Mahlzeit im Gras, die Leerstelle im Atlas zum Ort der Vorstellung. Dabei erlaubt sich die Künstlerin eine Leichtigkeit. Selbst dort, wo es um ökologische Fragestellungen, das Alltägliche oder Politik geht, bleibt Platz für Farbe, Witz und Ironie.
Jan van Oordt arbeitet dort, wo die Trennung zwischen Natur und Kultur ihre Selbstverständlichkeit verliert. Ihn interessieren die Spuren menschlicher Eingriffe, die Veränderung von Materialien und die Frage, wie sich Wahrnehmung mit dem Blickwinkel ändert. Am Anfang seiner Praxis steht deshalb selten ein festgelegtes Thema, sondern ein genaues Betrachten und Bemerken, bis hinein in Erdlöcher, deren Perspektive nach unten führt.
Für seine Scans legt er Fundstücke aus nächster Nähe direkt auf das Glas: einen Knochen aus dem Garten, ein Lüftungsgitter, das Mäuse vom Dach fernhalten sollte, einen Halm Korn und daneben das, was Unkraut heisst. Das Aufnahmegerät kennt keine Rangordnung, es erfasst alles, was da liegt – die Streifen des Geräts inbegriffen. Diese flache Hierarchie durchzieht das gesamte Werk. Auf grobem, fast durchscheinendem Gewebe malt er Welten, die aus der Ferne wie Planeten wirken und aus der Nähe in Parzellen zerfallen. An der Wand lehnen verwitterte Gewächshausplatten, in denen die Zeit als pflanzliche Abdrücke ablesbar wird. In seinen Leuchtkästen stecken Gräser und Gitterstücke unscharf hinter mattem Plexiglas. Aus gebrannten Ton-Lautsprechern dringen die verlangsamten Klänge einer nächtlichen Wiese.
In den Arbeiten schwingt ein Gedanke der politischen Theoretikerin Jane Bennett mit, den sie in «Vibrant Matter» entwickelt: dass Dinge, die zufällig zusammenkommen, gemeinsam etwas bewirken, was keines von ihnen allein bewirken könnte. Eine Assemblage ist demnach keine Anordnung von Material durch eine ordnende Hand, sondern ein Gefüge, in dem alle Teile aufeinander einwirken, auch die unbelebten. Wirkt die Materie von sich aus, verliert der Mensch seine Sonderstellung. Der Künstler nennt das ein Unsouverän-Werden gegenüber der Welt, sich nicht als von ihr getrennt zu verstehen, sondern als Teil von ihr. Seit menschliches Handeln zur geologischen Kraft geworden ist, lässt sich kaum mehr sagen, wo die Natur aufhört und die Kultur beginnt. An die Stelle starrer Grenzen tritt bei van Oordt die Schwelle: kein blosser Übergang, sondern ein Ort des Dazwischen, an dem Innen und Aussen, Natur und Kultur aufeinandertreffen und ihre Zuordnung unsicher wird.